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Emotionale Aspekte bei einer Hypospadie

1. Bin ich für die Hypospadie meines Sohnes verantwortlich?

2. Wann und wie sollte ich mit meinem Sohn über seine Hypospadie sprechen?

3. Soll ich mit meinem Sohn über seine Hypospadie sprechen, auch wenn ich mich für eine operative Korrektur entschlossen habe?

4. Kann mein Sohn ein normales (Sexual-)Leben ohne psychologische Schäden nach der Operation führen?

5. Wer kann mir in dieser Situation helfen?

1. Bin ich für die Hypospadie meines Sohnes verantwortlich?

Nein, Sie sind nicht für die Hypospadie Ihre Sohnes verantwortlich.

Bis heute hat man die genauen Ursachen dieser Störung nicht herausgefunden: es werden viele Faktoren vermutet. Die heutige Forschung konzentriert sich auf molekulare und genetische Faktoren, die Rolle von Hormonen und sogar schädliche Umwelteinflüsse während der sexuellen Entwicklung des Fötus werden in Erwägung gezogen.

Was auch immer die Ursache dafür ist: akzeptieren Sie die Hypospadie Ihres Sohnes als Resulatet mehrerer Faktoren, die nicht in Ihrem Einflußbereich lagen. Suchen Sie nicht die Schuld oder Verantwortung bei sich als Elternteil.

2. Wann und wie sollte ich mit meinem Sohn über seine Hypospadie sprechen?

Leider gibt es keinen perfekten Zeitpunkt oder einen “goldenen” Weg, um mit ihrem Sohn über die Hypospadie zu sprechen. Die Art und Weise hängt von der Reife ihres Kindes ab und wie einfach Sie persönlich es finden, über intime Dinge zu sprechen. Passen Sie das Gespräch an die Entwicklungsstufe Ihres Sohnes an und beziehen Sie die Lebensumstände mit ein.

Einige Eltern könnten besorgt sein, dass die Diskussion über die Hypospadie mit ihrem Sohn Probleme hervorbringen könnte, da in diesem Gespräch auch eine gewisse körperliche Unterschiedlichkeit zu anderen Jungen angesprochen werden wird. Tatsächlich aber ist ein offenes Gespräch ein sehr guter Weg, Schamgefühle oder Verlegenheit zu zerstreuen, besonders bei einer so intimen Angelegenheit.

Wenn das Kind sieht, dass die Eltern bereit sind offen über das Thema zu sprechen, lernen sie ihre Gefühle in Worten auszudrücken. Ehrlichkeit auf der Seite der Eltern wird dem Kind helfen zu verstehen, dass das Thema offen diskutiert werden kann, ohne Verlegenheit, und ohne dass dieses ein unausgesprochenes Geheimnis bleibt.

Indem man als Elternteil Verständnis zeigt und die Situation dedramatisiert bekommt das Kind Vertrauen, Beziehungen mit anderen Menschen aufzubauen ohne Schamgefühl oder Betretenheit.

3. Soll ich mit meinem Sohn über seine Hypospadie sprechen, auch wenn ich mich für eine operative Korrektur entschlossen habe?

Dies ist ein kontroverses Thema: Einige Autoren glauben, dass keine Notwendigkeit eines Gespräches der Aufklärung bei Kindern besteht, deren Hypospadie-Operation in den ersten eineinhalb Lebensjahren stattgefunden hat und das Ergebnis gut ist, sowohl in funktioneller als auch kosmetischer Hinsicht. Ausgenommen natürlich, das Kind fragt von sich aus. Auf jeden Fall sollten Eltern jederzeit bereit sein, ihrem Kind passende Antworten auf seine Fragen zu geben.

Kinder, deren Operationsergebnis weniger zufriedenstellend ist, oder die mehrere komplizierte Operationen hinter sich haben, müssen mehr über ihren Zustand erfahren.

Wie auch immer – einige Psychologen sind der Ansicht, dass eine Operation nur die äußere „fehlerhafte“ Erscheinung korrigieren kann – sie kann nicht die Erinnerung der Eltern an den Zustand löschen, welcher die Operation notwendig gemacht hat. Die Hypospadie – auch wenn sie chirurgisch korrigiert wurde – ist Teil der Existenz des Kindes.

4. Kann mein Sohn ein normales (Sexual-)Leben ohne psychologische Schäden nach der Operation führen?

Hier muss zwischen den verschiedenen Graden der Hypospadie unterschieden werden:

Kinder mit glanularer, distaler und milder proximaler Hypospadie sind in einer Gruppe, in der anderen Gruppe finden sich Patienten mit schwerer  proximaler Hypospadie und/oder Patienten, die schwere Komplikationen und/oder diverse komplexe Operationen hinter sich haben.

Zwei Studien zeigten, dass kein Unterschied zwischen der Anzahl von sexuellen Episoden oder deren Qualität zwischen Männern mit erfolgreich operierter Hypospadie (glanular/distal/milde proximal) und Männern ohne Hypospadie besteht. Es gab keine signifikanten Altersunterschiede, wo mit Masturbation und Sexualverkehr begonnen wurde.

Bei Patienten aus der Gruppe mit schwerer proximaler Hypospadie, die u. a. schwierige komplexe Operationen hinter sich haben, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Schwere der Komplikationen und Unzufriedenheit mit dem Ergebnis sowie Enttäuschung über die sexuelle Leistung.

Patienten mit schwerster Form der proximalen Hypospadie, mit kleinem Penis und möglicherweise weiterer genitaler Abnormalitäten werden   „Intersex-Patienten“ zugeordnet.

Emotionale Befriedigung beim Geschlechtsverkehr ist besonders schwer zu bewerten und Studien ohne Kontrolle sind nicht glaubwürdig.

Viele Teenager ohne genitale Anomalien, die Ihre Sexulität entdecken, haben Ängste, die aber vollkommen normal sind und zur Entwickling eines Teenagers gehören. Ist jedoch eine genitale Anomalie vorhanden wird angenommen, dass diese der Grund für diese Ängste ist. In anderen Worten: es ist schwierig herauszufinden, ob die Ängste eines Teenager betr. die Sexualität im Zusammenhang mit der Hypospadie stehen oder nicht.

Bezüglich Episoden sexueller Aktivität, der Anzahl der Sexualpartner, sexueller Probleme und Libido gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen Männern mit erfolgreich operierter Hypospadie und Männern ohne Hypospadie. Ebenso gibt es keine großen Unterschiede bez. des Alters beim ersten Geschlechtsverkehrs, auch im Vergleich mit etablierten gesellschaftlichen Normen.

Die Größe des Penis kann Unzufriedenheit auslösen. Generell ist die Penisgröße oft die Quelle von Ängsten bei vielen normalen erwachsenen Männern. Es gibt nur wenige Studien, die einen Zusammenhang zwischen Penisgröße und sexueller Befriedigung beleuchten. Einige Studien haben herausgefunden, dass Patienten mit Mikro-Penis Geschlechtsverkehr mit nach deren Angaben zufriedenstellender Befriedigung haben, die Meinungen der Partner hierzu wurde nicht aufgenommen.

Für eine genaue Einschätzung und Auswertung sind Langzeit-Studien notwendig. Für Hypospadie-Patienten heißt das, 20 – 40 Jahre Kontrolluntersuchungen. Das Problem, das sich heute stellt ist, dass vor 30 bis 40 Jahren Operationstechniken gebräuchlich waren, die heute nicht mehr praktiziert werden. Das bedeutet, dass damals begonnene Langzeit-Studien heute nicht mehr viel Wert haben.

Einige dieser Langzeit-Studien basieren auf Interviews mit Patienten, welche die Hypospadie-Operation vor einigen Jahrzehnten hatten und zeigen, dass bestimmte psychologische und psychosexuelle Problem durch eine Hypospadie entstehen können, meistens durch die persönliche Wahrnehmung, die diese Patienten vom eigenen Geschlechtsteil haben.

Eine häufige Beschwerde betrifft den Mangel an Information und Folgeuntersuchungen nach der Operation, welcher das Leben mancher Patienten in gleichem Maße beeinträchtigen kann wie ästhetische oder funktionelle Faktoren. Aufklärende Unterstützung würde den Patienten helfen, die Hypospadie zu akzeptieren und sich damit abzufinden. Damit würden viele potentielle Probleme vermieden und dies würde zu einer besseren psychologischen und sexuellen Einstellung im späteren Leben führen.

5. Wer kann mir in dieser Situation helfen?

Viele Eltern von Kindern mit Hypospadie fühlen sich oft allein gelassen und gebrandmarkt und oft unfähig, mit der Situation umzugehen. Die intime sexuelle Natur dieses Zustandes bedingt, dass Hypospadien nur selten in der Öffentlichkeit diskutiert werden und das wenige Material, welches verfügbar ist, ist schwer erhältlich und meist für medizinische Fachleute geschrieben.

Eine sehr hilfreiche Unterstützung ist der Kontakt mit anderen betroffenen Eltern. Dank der elektronischen Medien in der heutigen Zeit ist es kein Problem mehr, mit anderen Betroffenen über das Internet in Kontakt zu treten. Es gibt in vielen Ländern bereits Hypospadie-Gruppen und Foren, die Eltern zusammenbringen. Dort werden Erfahrungen getauscht, über Sorgen und Ängste gesprochen und über Gefühle geschrieben, die man im Laufe der Zeit durchlebt. Dies verringert oft die Isolation, die Eltern oft fühlen. In einer dieser Gruppen mitzulesen oder sich aktiv zu beteiligen, hilft ungemein. Sie sehen, sie sind nicht alleine und es gibt Gemeinsamkeiten, man fühlt sich verstanden und akzeptiert.

Natürlich kann Unterstützung durch einen Psychologen/Psychiater oder Sexualtherapeuten hilfreich sein, Probleme der Inakzeptanz oder Unsicherheit, die durch eine Hypospadie hervorgerufen wurden, zu überwinden.

Wir bedanken uns bei Dr. Dominique Salm und Veronica für die Bereitstellung einiger Informationen für die Emotionalen Aspekte bei Hypospadie.

Einige Informationen entstammen dem Kapitel von Dr. Christopher Woodhouse aus dem Buch "Hypospadias - An Illustrated Guide".

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copyright Prof. (Univ. Cairo) Dr. Ahmed T. Hadidi 2012
www.hypospadiezentrum.de